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Die einzige gute Versicherung ist eine schlechte Versicherung

19. September 2007 | Von Eric T. Hansen

Die Deutschen glauben, dass Amerika das schlechteste Gesundheitssystem der Welt hat und verstehen nicht, warum wir es nicht ändern. Vielleicht wollen wir wollen es so. (DT)

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Eine Leserin meiner Bücher namens Bianca hat in meinem Online-Gästebuch gefragt, warum denn wir Amis es nicht schaffen unser Sozialsystem nach europäischem Vorbild auf Vordermann zu bringen.

Just in dem Moment hat Hillary Clinton bekannt gegeben, dass sie, sollte sie die Wahl gewinnen, nochmals versuchen würde, das Gesundheitssystem zu europäisieren. Sie hatte es ja mal als First Lady zusammen mit Bill versucht und der Versuch wurde zu einem der schlimmsten Eklats der Clinton-Zeit. Diesmal, sagt sie, macht sie aber nicht die gleichen Fehler (hier ein Artikel in New York Times). Zum Beispiel: Der neue Plan würde Versicherte, die mit ihrer jetzigen Versicherung zufrieden sind, nicht zwingen, in ein staatliches System einzutreten.

Clinton ist nicht die einzige, die eine Umgestaltung des Gesundheitssystems anbietet: Alle ihrer Demokraten-Mitkandidaten und auch einige Republicans bieten Lösungen an. Republican Mitt Romney, der Clinton’s "Hillarycare" als "europäische Bürokratie" arg kritisiert, hatte sogar einmal in seinem Heimatstaat als Governor schon eine Gesetz unterstutzt, der alle Bürger zwingen würde, sich zu versichern, wie das auch in Deutschland der Fall ist. Sie ist aber die einzige, die genug Leidenschaft und genug (schlechte) Erfahrung mitbringt, eine Änderung auch wirklich durchzusetzen.

Allerdings ist Gesundheitsreform genau ein solcher Projekt, das die meisten Amerikaner nicht wollen und das das Schicksal so viele ihrer Kollegen schon versiegelt hat.

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Doch die Frage bleibt, ob das Volk überhaupt da mitmacht. Wenn Deutsche über das amerikanische System sprechen, gehen sie davon aus, dass alle Amerikaner ein neues System wollen und mit en Deutschen überhaupt einer Meinung sind - dass es nur an die Regierung scheitert. (Oft genug gehen sie davon aus, dass es kein amerikanisches System gibt. Stimmt nicht - es gibt sie, es gibt auch eine rudimentäre, vom Staat mitfinanzierte Versicherung, aber nicht alle Amerikaner wollen Geld für eine Versicherung ausgeben. Es geht jetzt darum, das System zu verbessern und zwangsweise auf alle Unversicherten auszubereiten.)

Man vergisst: Wenn Amerikaner etwas ändern wollen, tun sie das auch. Sie haben die Tabakkonzerne in die Knie gezwungen, was den Deutschen immer noch nicht gelungen ist. Was die Deutschen nicht wissen: Die Amerikaner wollen nicht unbedingt ein anderes System.

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Die Nachteile einer europäischen System haben die meisten Amerikaner sehr klar vor Augen: 1. Geld und 2. Eigenständigkeit.

Die Realität der europäischen Systeme ist, dass sie teuer sind. Der durchschnittliche Deutsche zahlt viel mehr Steuern als der durchschnittliche Ami. Der Amerikaner liebt es aber nicht, von der Regierung vorgeschrieben zu bekommen, wo und wie er sein Geld ausgeben soll. (Dass ich in Deutschland keinen Job annehmen kann, wenn ich nicht krankenversichert bin, halte ich immer noch für eine Unverschämtheit - ob ich mein Geld in eine Krankenversicherung oder ins Lotto stecke ist wohl meine Entscheidung). Da überlegt man zweimal, ob man ein europäisches System wirklich will.

Es gibt ein philosophisches Problem das am Herzen des amerikanischen Charakters liegt: Wie viele Verantwortung will man der Obrigkeit abgeben? Wir geben schon manchmal Verantwortung ab, aber ungern (als Roosevelt während der Großen Depression das Sozialsystem einführte, war er sehr umstritten und er schaffte es nur, weil es damals viel mehr Elend gab als heute).

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Hand in Hand mit den europäischen Sozialsystemen scheint (uns) eine gewisse Passivität zu gehen. Warum ist die amerikanische Wirtschaft dynamischer als jede europäische Wirtschaft? Weil man sich wirklich anstrengen muss, zu überleben. (Zumindest glauben wir das von Zeit zu Zeit). Wenn die Regierung aber dafür sorgt, dass wir überleben, ohne dafür zu kämpfen… da werden wir faul. Nach dem Motto: Wenn Bill Gates krankenversichert gewesen wäre, gäbe es heute kein PC.

Diese zwei Dinge werden oft unterschätzt, vor allem von "Liberals" wie Hillary und Leuten wie Jeremy Rifkin, der in seinem Buch "Der europäische Traum" das europäische Modell als zukunftsweisend hinstellt, und dabei verschwiegt, dass schon heute Europa das eigene System kaum mehr leisten kann. Solche Autoren und Politiker kommen ein wenig blauäugig rüber, und das ist der Grund, warum die Clintons im ersten Anlauf auch so arg gescheitert sind.

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Schaffen Hillary bzw. der nächste Präsident, das System auf Vordermann zu bringen? Es wäre höchste Zeit - aber ich bin der Meinung, er schafft es nur, wenn er anerkennt, dass die meisten Amerikaner mir ihrem Gesundheitssystem trotz dem ganzen Meckern in Wahrheit schon zufrieden sind und nur ganz kleine Schritte mittragen werden.



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6 Kommentare

  1. Super Beitrag, kann ich voll und ganz nachvollziehen. In Deutschland sind die meisten nämlich zu lazy und unflexibel und ruhen sich auf dem Gesundheitssystem aus. Eine Rückenschule nach der anderen, statt mal selbst Rückenfitness zu machen. Das kann man nämlich auch alleine..Ich mache das hier in GB so. Gut fand ich folgenden Abschnitt: “Die Realität der europäischen Systeme ist, dass sie teuer sind (…) Der Amerikaner liebt es aber nicht, von der Regierung vorgeschrieben zu bekommen, wo und wie er sein Geld ausgeben soll. THAT IS SO TRUE. Wisely said. GREETINGS from Annette Strauch, Wales.

  2. Lieber Eric,
    einige Anmerkungen und Fragen:
    Die Regierung sorgt doch nicht dafür, daß ich überlebe, sondern die Gemeinschaft der steuerzahlenden Versicherten. Was mir auffällt: den Staat setzt du (als Amerikaner) vor allem gleich mit einer Institution, die dich in deinen Freiheiten beschränkt und behindert. Für mich (als Deutsche) ist der Staat daneben vor allem eine Solidargemeinschaft. 80 Mill. Deutsche zahlen (und wer sich davor drückt, ist unsozial) in einen Pott, der mich im Zweifelsfalle eben auch absichert. Das beruhigt doch ungemein und mildert die sozialdarwinistischen Tendenzen in einer Gesellschaft.
    Du schreibst, daß die us-amerikanische Wirtschaft erfolgreicher ist, weil der Amerikaner gelernt hat, daß er sich anstrengen muß um zu überleben.
    Warum ist “dem Amerikaner” dieser Selbstbeweis, diese Anstrengung so wichtig? Fast klingt es, als ob Amerikaner es verwerflich fänden, nicht mehr kämpfen zu müssen. (Ein Zustand, den man übrigens Frieden nennt.) Warum ist Faulheit, zu deutsch: Müßiggang, etwas Schlechtes? Woher kommt diese Arbeitswut? Diese Glorifizierung der Anstrengung?
    Ich meine das jetzt ganz naiv und nicht rhetorisch. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.
    P.S. Es gibt übrigens auch Stimmen, die sagen, Roosevelt (selber Milliardär) hätte damals den Erhalt des kapitalistischen Systems für die USA gesichert, da viele Amerikaner aufgrund der Wirtschaftslage schon mit anderen, sozialistischen Gesellschaftsmodellen sympathisiert hätten.

  3. Ich bin per Zufall auf diese Seite gestossen. Ich lebe seit einigen Jahren hier in den USA und habe meine eigene Erfahrungen mit dem US System.
    Ich wuerde das deutsche/europaeische Sozialversicherungsystem fuer keinen Preis hergeben.
    Ein Sozialversicherungsnetz in den USA gibt es praktisch nicht. Das Gesundheitswesen hier ist eine rein wirtschaftliche Industrie und nur auf den Erfolg von Pharma, Versicherung- und Aerztecooperationen ausgelegt.Es hat absolut nichts mit Sozialleistungen zu tun.
    Wie weit muss man sich hier anstrengen, um zum Beispeil, einen Arbeitsplatzverlust oder eine schwere Krankheit zu verhindern. Der amerikanische Traum ist mehr etwas fuer junge und gesunde Menschen .
    Amerika ist das Beispiel schlechthin, von einer Ellbogengesellschaft, wo nur die Starken ueberleben.
    Der Hauptgrund fuer die grosse private Pleitewelle in die USA ( Real Estate crash) sind die hohen Verschuldungen im Gesundheitsbereich. Alles andere ist Wischi Waschi ! Die Buerger werden bis aufs Blut ausgesaugt, was nutzen Durschnittsfamilien geringe Steuerzahlungen , wenn man im Endeffekt alles verliert, weil man krank wird? Leute die sich gegen eine nationale Krankenversicherung nach europaischen Vorbild wehren, sollte dieser Spass dann mal gegoennt werden. Und warum muss man eigentlich eine Zwangsversicherung haben ? Warum eine Versicherung schlechthin? Was hat denn eine Versicherung mit meiner Krankheit und dem Doktor zu tun, der mich behandelt ? Das Versicherungssystem muss ueberdacht werden, ob wir hier und drueben, diese Geldeintreiber wirklich brauchen und vielleicht mit einem staatlich regulierten Gesundheitssystem viel besser dran sind . Aber das hoert sich zu sozialitisch an und stoesst bei den vielen Moechtgernkapitalisten schlecht auf. Aber das muss man einfach ignorieren, RICHTIG ?
    In diesem Sinne beste Gesundheit

  4. Lieber Nilo!
    Vieln Dank fuer das leidenschaftliche Kommentar. Stimmt auch - Amerika hat ein sehr reformbeduerftiges Gesundheitssystem. Das beantwortet aber nicht die Frage: Warum reformiern wir das Ding denn nicht? “Weil die Pharma-Industrie es nicht wil” ist keine Antwort. Wenn wir anti-Tabak-Gesetze wollen, kriegen wir sie auch trotz dem Big Tabacco-Lobby durch (das schaffen die Deutschen ja nicht!). Warum schafen wir es nicht, das gesundheitssystem zu reformieren? Es kann nur eine Antwort geben: Wir - bzw. rund 50% der Waehler - wollen keinen Reform. Da taucht schon die naechste Antwort auf: “Warum nicht?” Meine Meinung: Wir halten eine staatliche “Ueberversorgung” fuer persoenlich, also charakterlich, schaedlich. Das kommt zum Teil aus unserer Wild-West-Geschichte, die Eigenstaendigkeit romantisiert, aber auch zum Teil aus unserer calvinistischen-protestantischen Tradition, die sagt: DAs Leben ist ein Kampf. Apropos: eine ausfuehrliche Antwort auf die Frage, “Warum muss das Leben ein Kampf sein?” steht jetzt (auf Deutsch) in meinem Hauptblog http://ericthansen.blogspot.com/
    Viel Spass und Aloha aus Berlin, ETH

  5. Liebe Titta!
    Endlich eine Antwort: siehe
    http://ericthansen.blogspot.com/
    Bis dann, Aloha, ETH

  6. Vielleicht muss das Leben ja Kampf sein, um einen Fortschritt zu erzielen?
    Vielleicht wäre aber der größte Fortschritt ein Leben ohne diesen Kampf??
    Ich kann nachvollziehen, dass nicht jeder die Solidargemeinschaft möchte; wer nie die traf, die durch den Rost fielen, wem es selbst gut geht, der kann sich recht einfach auf den Standpunkt stellen; wer etwas erreichen möchte, soll kämpfen UND (wichtiger Zusatz), wer kämpft erreicht auch etwas!
    Aber auch Kämpfer können verlieren und da greift für mich der Gemeinschaftsgedanke. Ich bin weit davon entfernt, den US-Amerikanern Empfehlungen zu geben (so arrogant bin ich nicht), aber mich würde doch die Frage reizen, ob die Ablehnung eines Gesundheitssystems nach europäischem Vorbild sich gleichsam durch alle Schichten zieht.
    Ne leeve jrooß vom
    Ansgar

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